Fasten und Gewichtsreduktion

… macht sauer und sauer macht nicht immer lustig – Betrachtungen über Sinn und Unsinn von Diätvorschriften und über die Frage, wie Gewichtsreduktion wirklich gelingen kann.

 „Zwei Dinge sind wesentlich für Stärke, Freiheit und Bewusstheit des Menschen: Das eine ist Essen, das andere ist Sexualität. Beides sind Grundinstinkte. Essen ist nötig, damit das Individuum überleben kann, und Sex ist nötig, damit die Spezies überleben kann. Ohne Essen und ohne Sex würde die Menschheit aussterben. Wohl wissend, dass beides entscheidende Voraussetzungen für einen wirklich lebendigen Menschen sind, hat die Religion beides verurteilt, und sie hat das Fasten und die Keuschheit propagiert“, erklärte der indische Philosoph Osho und provozierte damit vor einigen Jahrzehnten nicht nur das christlich orientierte Establishment.

Fasten ist eine bewusste Form der Nahrungsverweigerung. Sie kommt weniger aus einer wirklich religiösen Haltung als aus der institutionalisierten Form von Religion: Die alljährlichen Fastenzeiten vor Ostern galten weniger der Gesundheitspflege der Gläubigen als dass sie dem Machtbedürfnis derjenigen dienten, die Fastenzeiten verordneten: Wer das Fasten brach, machte sich „schuldig“ und sollte nach Möglichkeit ein schlechtes Gewissen bekommen, was ihn natürlich emotional schwächte. Aber – bei Tageslicht betrachtet – gibt es irgendeinen guten Grund dafür, dass ein Mensch nicht jederzeit das essen soll und darf, worauf er gerade Appetit hat? Essen ist Lebenslust pur und Lebenslust ist die höchste Form von Religion. Grund genug, das Thema einmal kritisch zu durchleuchten.

Das Modell der religiös motivierten Fastenzeit ist in den vergangenen Jahrzehnten bei weiten Teilen der Bevölkerung aus der Mode gekommen oder wurde vielmehr von anderen „Aposteln“ aufgegriffen. Heute werden Fastenkuren, wie der Name schon sagt, weniger aus religiösen als aus gesundheitlichen oder kosmetischen Gründen durchgeführt. Frauenzeitschriften berichten seit Jahrzehnten von Konzepten zur Gewichtsreduktion, die seit ebenso vielen Jahrzehnten nicht funktionieren. Der Grund: Sie fußen auf einem völlig mechanistischen Verständnis von Gewichtszunahme oder –abnahme. Das individuelle Körpergewicht ist jedoch Ausdruck des dahinterstehenden psychischen Energiemusters eines Menschen. Der Jojo-Effekt beweist es immer wieder: Das Wunschgewicht lässt sich weder erreichen noch halten, indem man täglich 1000 kcal weniger zu sich nimmt. Irgendwann schlägt die Seele dem Speiseplan ein Schnippchen und man hat, eh man sich versieht, mehr Kilos an Bauch und Po als vor der Diät.

Normalgewichtig zu sein ist – auch – ein Zeichen für Ausgeglichenheit im Psychischen. Überwicht, medizinisch Adipositas genannt, kann hingegen als körpersprachlicher Ausdruck seelischen Mangelempfindens verstanden werden und ist nur bedingt, d. h. sehr langsam, über gewichtsreduzierende Diäten behandelbar. Den größeren Anteil am Erfolg haben in der Regel psychotherapeutische Verfahren und die bewusste Auseinandersetzung des Betroffenen mit den inneren Ursachen seiner äußeren Fülle.

Psychosomatische Aspekte des Übergewichts

„Das Erste, was man bei einer Abmagerungskur verliert, ist die gute Laune“, pflegte der Schauspieler Gert Fröbe zu sagen. Übergewicht lässt sich nicht dadurch abbauen, dass man „einfach mal weniger isst“. Denn übermäßiges Essen erfüllt eine psychische Funktion, die sich durch Zwangsmaßnahmen wie kalorienreduzierte Ernährung nicht außer Kraft setzen lässt – es sei denn, man verfügt über enorme Willensstärke. Doch alles, was ein Mensch mit dem Willen erzwingt, kostet Kraft und lässt sich auf die Dauer kaum durchhalten.

Bei übergewichtigen Menschen ist die Hunger-Sättigungs-Balance aus dem Gleichgewicht geraten. Ihr Sättigungsgefühl stellt sich zu spät ein und endet nicht, wenn beim Essen die benötigte Kalorienmenge erreicht ist. Oft klagen Betroffene darüber, dass sie nicht aufhören können zu essen. Nahrungsmittel stellen für sie eine große Verführung da und haben oft die Funktion einer Ersatzbefriedigung für seelische Bedürfnisse. Diese liegen zu tief, um ins Bewusstsein zu dringen und auf andere Weise befriedigt werden zu können.

Das Zählen von aufgenommenen und verbrauchten Kalorien führt aus diesem Grund meist nicht zum Wunschgewicht, da Abnehmen keine mathematische Angelegenheit ist und Verstandeskontrolle die emotionale Funktion des Essens außer Acht lässt.

Der psychosomatische Arzt Ruediger Dahlke weist darauf hin, dass übergewichtige Menschen statt innerer Erfüllung eine äußere Fülle aufbauen. Statt eines reifen Liebes- und Genusserlebnisses, das die Seele nährt, wird in Form übermäßigen Essens eine Ersatzbefriedigung geschaffen. Eine Schutzschicht aus Fett gegenüber einer als überfordernd erlebten Umwelt soll, bildlich gesehen, vor der Auseinandersetzung mit anderen Menschen bewahren im Sinne einer Puffer- oder Knautschzone. Doch auf diesem Weg kann man letztlich nicht glücklich werden. Die ausgebliebene Entwicklung im Seelischen muss als Last auf anderer Ebene mitgetragen werden und „beschwert“ den Alltag. Man gibt sich innerlich zuwenig Wichtigkeit und schleppt stattdessen zuviel äußeres Gewicht mit sich herum. Wer Wege der inneren Erfüllung finden kann, hat einen wichtigen Schritt getan, seine äußere Fülle allmählich loslassen zu können. Wer sich mit Argumenten statt mit Pfunden wappnen kann, legt an psychischer Stärke zu und wird emotional mutiger. Dann kann man auf Schutzwälle in Form von „Rettungsringen“ verzichten.

Übergewicht war eines der ersten Krankheitsbilder, die man auf psychosomatische Ursachen zurückführte. Viele Übergewichtige berichten, dass sie in Situationen, in denen sie sich seelisch angespannt fühlen, besonders viel essen. Der Gang zum Kühlschrank erfolgt vor allem bei Kummer, Angst, Stress, Langeweile, Frustration oder Verletzungen des Selbstwertgefühls. Nach Langzeitbeobachtungen nehmen Menschen, die zu Übergewicht neigen, vor allem dann zu, wenn sie einen geliebten Menschen verlieren, können aber drastisch abnehmen, wenn sie sich verlieben. Nahrungsaufnahme scheint bei ihnen eine Art Beziehungsersatz darzustellen, und ihr Übergewicht reduziert sich in dem Maße, wie es ihnen gelingt, tiefere, tragfähigere und emotional erfüllendere Beziehungen aufzubauen.

Während einer Fastenkur machen viele Übergewichtige die Erfahrung, dass die Kalorienreduktion emotionale Symptome nach sich zieht, z. B. Nervosität, Schwäche, Reizbarkeit, Übelkeit, Depressionen und Panikgefühle. Kuren, die sich auf die reine Gewichtsabnahme konzentrieren, zeigen meist eine niedrige Erfolgs- und hohe Abbruchrate, da sie die emotionalen Ursachen des Übergewichts nicht mitbehandeln.

Am Anfang aller Bemühungen zur Gewichtsreduktion sollten daher die Fragen stehen: „Welche Funktion besitzt das Essen für mich? In welchen Bereichen meines Lebens fühle ich mich so unwohl, dass ich mich mit übermäßiger Nahrungszufuhr „trösten“ muss? Was würde ich gerne ändern? Welche Wege stehen mir dafür zur Verfügung?“ Die Beantwortung dieser Fragen dauert erfahrungsgemäß eine ganze Weile, ihre praktische Umsetzung ebenfalls. Mit einschneidenden Veränderungen der Lebensgewohnheiten verhält es sich ähnlich wie mit einer Rakete: Man kann den Kurs nicht plötzlich um 180 Grad ändern. Aber es ist durchaus möglich, eine Kurve zu fliegen.

Übersäuerung – Problem Nr. 1 beim Fasten

Wenn dem Körper durch Fasten der nötige Brennstoff entzogen wird, sinkt zunächst geringfügig der Blutzuckerspiegel. Der Insulinspiegel nimmt ab und der Kortisol- und Katecholaminspiegel steigt. In der Folge werden weniger Glucose und Aminosäuren in Muskel- und Fettgewebe aufgenommen und dafür die Glykogenolyse in der Leber angeregt. Das Leberglykogen kann die Glucoseversorgung jedoch nur für ca. einen Tag sichern, danach muss der Blutzucker durch Glukoneogenese aus Aminosäuren hergestellt werden. Dabei fällt Harnstoff an. Auch einer Energiegewinnung aus Proteinen sind wiederum Grenzen gesetzt, so dass der Organismus bald auf Fett als Energiereserve zurückgreifen muss. Die Triglyderide aus den Fettzellen werden mobilisiert. Die Leber verwertet Glycerin zum Glukoseaufbau. Nun steigt der Spiegel an freien Fettsäuren im Blut, die z. T. zur Bildung von Ketonkörpern verwendet werden. Die Hyperlipidacidämie führt dazu, dass in Muskeln, Herz und Nieren statt Glukose und Ketonkörpern vorwiegend freie Fettsäuren verbrannt werden. Ein Teil der noch im ZNS verbrauchten Glucose wird nur bis zum Lactat abgebaut, das dann in der Leber wieder zur Glucose aufgebaut wird. Die dazu nötige Energie liefern die Fettsäuren. Die gesteigerte Konzentration an Ketonkörpern und Milchsäure führt den Körper in eine metabolische Azidose (Stoffwechselübersäuerung). Freie Fettsäuren, Ketonkörper und Milchsäure belasten ferner die Harnsäureausscheidung über die Nieren, so dass es während strenger Fastenkuren auch zu erhöhten Harnsäurewerten und zu Gichtanfällen kommen kann.

Die so entstehende Übersäuerung ist das Hauptproblem von Fastenkuren und der Grund für Gereiztheit, Schlafstörungen, Kreislaufbeschwerden, Heißhungeranfällen und sonstigen Unpässlichkeiten.

Ist also das sog. „Heilfasten“ tatsächlich, wie von einschlägigen Kreisen behauptet, dem Heilsein des Menschen dienlich? Den Stoffwechsel bringt es jedenfalls gewaltig durcheinander.

Dem Gedanken des Heilfastens liegt letztlich die Annahme zugrunde, dass Nahrung etwas Belastendes und Beschmutzendes ist und man dem Körper einen Gefallen tut, wenn man ihn eine Zeitlang von dieser Plage erlöst. Dahinter steht die in unserer Kultur so häufige und oft sehr versteckte „Soma-Sema-Theorie“ des griechischen Philosophen Platon: Der Körper (Soma) sei das Grab (Sema) der Seele und die körperlichen Bedürfnisse daher minderwertiger als die geistigen. Diese Herabsetzung des Leiblichen hat in der griechisch-römischen und in der christlichen Kultur eine lange Tradition und gipfelt heute in gefährlichen Krankheitsbildern wie der Magersucht junger Mädchen – Grund genug, Körperfeindlichkeit jeder Art kritisch zu hinterfragen und allem Körperlichen eine neue Wertschätzung zu geben.

Praktische Tipps für eine langsame Gewichtsreduktion

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© Margret Rupprecht

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