Gänseblümchen – Bellis perennis

Wer in Frühling und Sommer über eine Wiese spaziert und sie übersät von Gänseblümchen findet, wird sich eines leisen Lächelns kaum erwehren können. Es gibt wohl wenige Pflanzen, die das menschliche Gemüt ähnlich anrühren wie diese kleinen und doch so unglaublich präsenten Blümchen. Wo immer im Gras auch ein wenig „Unkraut“ wachsen darf, sind sie vorhanden. Wird der Rasen gemäht, dauert es nicht lange, bis Gänseblümchen wieder neue Blüten gebildet haben und unverdrossen der Sonne entgegenstrecken. Anwesenheit, pure Anwesenheit, verbunden mit einer enormen Anpassungs- und Regenerationsfähigkeit, gehören zu den herausragendsten Eigenschaften der Pflanze. Diese Qualitäten macht das Gänseblümchen als Arzneimittel sehr wertvoll für die Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen der Haut.

Wer regelmäßig Rasen mäht und das Verhalten des Gänseblümchens genau beobachtet, wird bemerken, dass sich Bellis an die Schnitthöhe des Rasens anpasst. Mäht man ihn kürzer, wachsen die nächsten Blütenköpfchen weniger hoch. Das Hauptinteresse dieser Pflanze scheint darin zu bestehen, nach dem „Kahlschlag“ möglichst rasch aus ihrer kräftigen und sehr widerstandsfähigen Blattrosette neue weißgelbe Blütenköpfchen nach oben wachsen zu lassen. In der Pflanzensymbolik gilt Bellis perennis seit jeher als Symbol für Reinheit, Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit und kindliche Unschuld. Es reckt den Widrigkeiten seines Pflanzenlebens ein heiteres „Dennoch“ entgegen. Die kleinen und deshalb oft unterschätzten Gänseblümchen leben dem Betrachter die unerschöpfliche Erneuerbarkeit allen Seins geradezu beispielhaft vor. Dabei demonstrieren sie unverdrossen, dass die Kahlschläge des Lebens kein Drama sein müssen, sondern sich überwinden lassen. Je weniger man sich an ihnen stört und je intensiver man darauf vertraut, dass genügend Energie vorhanden ist, um sich jederzeit zu erholen, desto leichter gelingt diese Regeneration. Keine andere Pflanze lebt dies mit solcher Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit vor wie das omnipräsente Gänseblümchen.

In der Symbolik wird das Gänseblümchen oft mit der Frühlingsgöttin Ostara, der Liebesgöttin Freyja (Venus) und der Gottesmutter Maria in Verbindung gebracht. Auf Botticellis Gemälde Geburt der Venus reicht eine Nymphe der Göttin einen Mantel, der ganz mit Bellis bestickt ist. In der Kunstgeschichte erscheinen Gänseblümchen häufig als Grasteppich zu Füßen Mariens. Diese Frauen stehen für Rückkehr der Vegetationsperiode, lebensspendende Kräfte und selbstlose Liebe. „Wenn du mit einem Fuß auf sieben Gänseblümchen treten kannst, dann ist es Frühling“ heißt ein englisches Sprichwort. Bellis perennis ist im wörtlichen und übertragenen Sinne ein Bote, der davon kündet, dass nach einer Zeit der Winterstarre und der inneren wie äußeren Kälte die „Grünkraft“ zurückkehrt und ein neuer Lebenszyklus beginnt. Diese Qualitäten machen Bellis zu einer wertvollen Heilpflanze für körperliche und seelische Verletzungen und für alle Krankheiten, bei denen die Regenerationskräfte eine starke Anregung benötigen. Das reicht von Blutergüssen, Muskelzerrungen und Hautausschlägen bis hin zu seelischer Erstarrung als Folge von emotionaler Verletzung und psychischer Gewalt.

Beliebte Kinderpflanze

Zwei Heilpflanzen spielen in der Kinderheilkunde eine wichtige Rolle: Stiefmütterchen (Viola tricolor) und Gänseblümchen (Bellis perennis). Es fällt auf, dass beide Kinderpflanzen sprachlich auf eine Verkleinerungsform enden. Niemand käme auf die Idee, von Stiefmutter und Gänseblume zu sprechen. Beiden Pflanzen wohnt etwas ganz Zartes und Filigranes inne, das eine Atmosphäre von Heil-Sein und Kindlichkeit ausstrahlt.

Kinder besitzen eine erstaunliche Beziehung zum Gänseblümchen. Es ist oft die erste Pflanze, die sie pflücken oder die sie zu Kränzen flechten, um sich damit zu schmücken. Die große Anziehungskraft des Gänseblümchens erklärt sich über die enge Verbundenheit, die diese enorm regenerationsfähige Pflanze ebenso wie die Kinder zum Urgrund des Seins besitzen. Ein Kind ist diesem Urgrund noch sehr verbunden, da es erst vor kurzem aus ihm entsprungen ist. Kinder verfügen über ähnlich intensive „Grünkräfte“ – wie Hildegard von Bingen es nennen würde – und Erneuerungsfähigkeiten wie diese zarte und doch so unzerstörbare Pflanze. So zart Bellis perennis wirkt, so robust ist die Pflanze auch – ähnlich wie ein Kind. Die Blattrosette ist widerstandsfähig und dicht, die Blätter derb, fleischig und bodenständig. Die Pflanze strotzt vor Vitalität. Der Prozess des aktiven Blühens ist so sehr Thema von Bellis perennis, dass man die Pflanze praktisch nie verwelkt sieht: Gänseblümchen verblühen „diskret“. Die weißen Zungenblüten verfärben sich kaum, fallen rasch ab, und das Gelb des Blütenköpfchens färbt sich grün, so dass es sich der Farbe des umgebenden Rasens bestmöglich anpasst. Die Phasen des Welkens und Reifens sind maximal abgekürzt, sie existieren praktisch kaum, ebenso wie das Welken auch für ein Kind noch kein Thema ist.

Botanik und Geschichte

Gänseblümchen ist in Europa und Asien heimisch, aber auch in Nordamerika und Neuseeland eingebürgert. Das Pflänzchen wird bis zu 15 cm hoch. Seine einzeln stehenden Blütenköpfe tragen zwitterige, gelbe, röhrenförmige Scheibenblüten und weiße, an der Spitze bisweilen rötliche, zungenförmige, weibliche Strahlenblüten. Die Blütenköpfchen drehen sich mit der Sonne im Tagesverlauf von Ost nach West. Bellis blüht in warmen Regionen fast das ganze Jahr hindurch, weshalb es den Beinamen perennis – dauerhaft, immerwährend erhielt. Andere Bezeichnungen für das Gänseblümchen sind Maßliebchen und Tausendschön. Zur Zeit des Minnesanges durfte ein Ritter, der das Herz einer Frau erobert hatte, Abbildungen von Bellis auf sein Wappenschild gravieren. Maßliebchen erinnert auch an das holländische Sprichwort „Maßvolle Liebe, lange Liebe.“ Im englischen Sprachraum heißt das Gänseblümchen immer noch Day´s eye – Auge des Tages oder kurz Daisy. Hübsche junge Mädchen und tugendhafte, kindlich verschmitzte ältere Damen werden häufig nach dieser Pflanze genannt.

Leonhart Fuchs setzte Gänseblümchen im 16. Jahrhundert als Wundheilmittel ein. Lonicerus empfahl etwa zur gleichen Zeit, die Blüten der Blume nüchtern zu essen. Maßliebchenwasser rege die Esslust an, sei gut für die Leber und ein wertvolles Heilmittel für Wunden und Knochenbrüche. Die jungen Blätter wurden im Frühjahr gerne als Kräutersalat gegessen.

Matthiolus stellte im 17. Jahrhundert die wundheilende Wirkung der Pflanze in den Vordergrund und nennt Bellis „ein recht Wundkraut“, das sogar die „zerbrochenen Hirnschalen“ heilen soll. Ein Salat aus jungen Gänseblümchen „macht den Stuhlgang fertig“, eine Bellis-Salbe auf der Grundlage ungesalzener Butter helfe gegen heftige Gliederschmerzen und Podagra (Großzehengicht).

Im 18. Jahrhundert stellten Weinmann und Haller die besondere Wundheilkraft sowie die kühlende und auflösende Wirkung in den Vordergrund und empfahlen Bellis u. a. auch zur Zerteilung von geronnenem Blut bei Verwundeten. Daneben setzte man sie bei entzündlichen Atemwegserkrankungen, Tuberkulose und trockenem Husten ein.

In der Homöopathie wird Bellis perennis ähnlich wie Arnica bei Verletzungen, Schwellungen, Quetschungen, Verrenkungen, rheumatischen Beschwerden und Hautkrankheiten eingesetzt. Die regenerationsfördernde Wirkung der Pflanze macht sie zu einem vielseitig einsetzbaren Mittel überall dort, wo Gewebe sich erneuern muss oder „Erholung“ im umfassenden Sinne angesagt ist, weil ein Mensch sich körperlich oder seelisch wie zerschlagen fühlt. Will man die heilsame Wirkung der Pflanze für die Therapie von Verletzungen der Psyche nutzen, nimmt man sie am besten in Form einer Urtinktur aus biologisch-dynamisch angebauten Gänseblümchen ein.

Gänseblümchen im praktischen Einsatz

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© Margret Rupprecht

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