Tinnitus

Wenn die äußere Ruhe verloren geht, wandert der „Weltlärm“ nach innen. Das Ohr wird von Geräuschen terrorisiert, die erst dann abklingen, wenn der Betroffene lernt, im Außen für mehr Ruhe zu sorgen und auch im Inneren zur Ruhe zu kommen. Tinnitus hat viele Ursachen, oft auch Ursachen organischer Art. Doch wenige Krankheitsbilder besitzen eine derart starke psychosomatische Komponente wie das chronische Ohrgeräusch. Darin liegt aber auch eine große Chance: Wer die Herausforderung annimmt und sein Leben besser organisiert, wird in den meisten Fällen auch wieder fähig werden, „die Stille zu hören“.

Wann spricht man von Tinnitus?

Von Zeit zu Zeit hat wohl schon jeder einmal mit Ohrgeräuschen zu tun: Plötzlich pfeift oder brummt es im Ohr, vor allem morgens beim Aufstehen oder wenn man sich nach dem Bücken aufrichtet. In der Regel klingt das Symptom so rasch ab, wie es gekommen ist. Meist sind Blutdruckschwankungen die Ursache: Ein spontaner Unter- oder Überdruck im Gefäßsystem kann über eine Störung der Ohrdurchblutung kurzfristig „Phantomgeräusche“ auslösen.

Ein echter Tinnitus liegt vor, wenn über Stunden, Wochen, Monate oder gar Jahre ein Ton oder Geräusch wahrgenommen wird, das im Außen definitiv nicht existiert und nur vom betroffenen Patienten gehört wird. Die Geräuschwahrnehmung ist völlig subjektiv. Je nach Dauer der Symptomatik unterscheidet der HNO-Arzt den akuten Tinnitus (bis zu drei Monaten) von der subakuten (bis sechs Monate) und chronischen Form (länger als sechs Monate). Je früher der Tinnitus behandelt wird, desto besser sind seine Heilungschancen.

Der „kleine Mann im Ohr“ kann Menschen in jedem Lebensalter betreffen. Man schätzt, dass etwa 5 % der Jugendlichen und 10 % bis 20 % der Erwachsenen von Tinnitus betroffen sind. Von den älteren Menschen klagt jeder Dritte über Ohrgeräusche. Sie sind ein häufiges Begleitsymptom der Altersschwerhörigkeit. Tinnitus hat in den vergangenen Jahrzehnten in den westlichen Industrienationen derart zugenommen, dass man bisweilen sogar von einer Volkskrankheit spricht.

Ursachen und Diagnose des Tinnitus

Genau genommen braucht das Symptom Tinnitus als solches nicht diagnostiziert zu werden: Wenn ein Betroffener über lange Zeit ein Pfeifen, Klingeln, Rauschen oder Brummen im Ohr hört, ist die Diagnose ziemlich eindeutig. Dennoch: Wer unter länger anhaltenden Ohrgeräuschen leidet, muss auf jeden Fall zum Arzt. Tinnitus gilt nicht als eigenständige Krankheit, wohl aber als Symptom, das in jedem Fall auf eine tiefer liegende Störung hinweist. Diese kann organischer Natur sein, ist aber in den vielen Fällen „nur“ psychosomatisch-funktionell.

Um die tiefer liegenden Ursachen abzuklären, verfügt der Arzt über mehrere Diagnosemöglichkeiten. Am Anfang steht eine ausführliche Anamnese (Befragung). Lärm am Arbeitsplatz, Unfälle mit Kopfverletzungen, Erkrankungen des Ohres oder neurologische Störungen können in manchen Fällen einen Tinnitus auslösen oder aufrechterhalten. Weitere diagnostische Maßnahmen sind Blutdruckmessung, Hörprüfung mit Stimmgabel oder Audiogramm (Messung des wahrnehmbaren Frequenzbereiches), Ohrmikroskopie, Reflexprüfung, Gleichgewichtsprüfung mit der Frenzel-Brille, Laboruntersuchungen zur Feststellung einer möglicherweise vorhandenen Infektion, Magnetresonanztomografie zum Ausschluss eines Tumors am Hörnerv sowie orthopädische Untersuchungen der Halswirbelsäule.

Die organischen Ursachen für das Entstehen eines Tinnitus sind vielfältig. Zu ihnen können zählen: ein feststeckender Pfropf aus Ohrenschmalz, Gehörgangsmissbildungen, Mittelohrentzündung, Trommelfellrisse, Funktionsstörungen der Eustachischen Röhre zwischen Nase und Mittelohr, Knalltrauma, Hörsturz, Hirnhautentzündungen, zu hoher oder zu niedriger Blutdruck, Multiple Sklerose oder Eisenmangelanämie. Auch Medikamente können einen Tinnitus auslösen. Ein Blick auf den Beipackzettel ist manchmal sehr aufschlussreich. Weitere organische Ursachen sind Autoimmunerkrankungen des Innenohrs, toxische Innenohrschädigungen oder Tauchunfälle (Dekompressionskrankheit, Barotrauma).

Tinnitus-Symptome oder die Orgel im Ohr

Tinnitus ist nicht gleich Tinnitus. Die Beschwerden sind so individuell wie die Menschen, die davon betroffen sind. Und die Bandbreite der Geräusche ist groß. Manche Patienten klagen über ein Dauerpfeifen, andere eher über ein Klingeln, Zischen, Rauschen, Brummen oder Sägen. Töne und Geräusche können kontinuierlich oder vorübergehend auftreten, an- und abschwellen, gleich bleibend intensiv oder rhythmisch pulsierend sein und sogar in der Frequenz wechseln. Die Frequenzen liegen im Bereich zwischen 0 und 1000 Hz oder um 8000 Hz. Wegen der starken Variabilität des Symptomenbildes wird Tinnitus zunehmend als „Syndrom“ eingeordnet.

Mindestens ebenso belastend wie die eigentlichen Tinnitus-Symptome sind die Folgeerscheinungen. Dazu können zählen: Schlafstörungen, Angstzustände, Panikattacken, depressive Verstimmungen bis hin zur Selbstmordgefährdung sowie Arbeitsunfähigkeit. Erstaunlicherweise lernen jedoch die meisten Tinnitus-Patienten, im Laufe der Zeit mit ihren Ohrgeräuschen relativ gut umzugehen, und können die chronische Lärmbelastung aus dem eigenen Ohr irgendwie dann doch kompensieren. Bei den meisten wird die Lebensqualität kaum oder nur sehr gering beeinträchtigt. Dies gilt vor allem für Menschen, die den Tinnitus im Laufe der Zeit als ihren „Freund“ schätzen lernen, denn die Beschwerden verschlimmern sich meist dann, wenn der Stresspegel steigt. Tinnitus kann ein wertvoller Indikator für körperliche und seelische Überlastungssituationen werden. Wer das erkennt, den Tinnitus als Frühwarnsymptom für Überlastung nutzt und rechtzeitig genug für Entspannung sorgt, kann in seinen Ohrgeräuschen einen wertvollen Helfer finden für einen ökonomischeren Umgang mit den eigenen Energiereserven.

Was der Arzt bei einem Tinnitus tun kann

Bei akutem Tinnitus wird in der Regel mit hochdosiertem Vitamin E, Magnesium, Glukokortikoiden (Kortison) und durchblutungsfördernden Präparaten gearbeitet. Gerade beim akuten Tinnitus ist eine Sofortbehandlung absolut wichtig. Je schneller man die Symptome zum Abklingen bringt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie chronisch werden. Allerdings sind die Langzeiterfolge nicht immer zufriedenstellend. Zwar bessern sich die Ohrgeräusche durch die Therapie, doch ist die Rückfallrate immer noch ziemlich hoch.

Früher hat man bei schweren Formen von chronischem Tinnitus den Hörnerven (Nervus acusticus) durchtrennt. Von diesem Verfahren nimmt die Medizin mittlerweile Abstand. Das Ohrgeräusch entsteht nämlich nicht immer im Ohr, sondern oft im Gehirn selbst. Wird der Nervus acusticus durchtrennt, ist noch lange nicht garantiert, dass sich die ersehnte Ruhe endlich einstellt.

Was Sie selbst bei einem Tinnitus tun können

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Ernährung bei Tinnitus

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Die Bedeutung der Krankheit Tinnitus

Wenn der Weltlärm überhand nimmt und die Seele ihre Ruhe verliert, ereignet sich ein Phänomen, das sich bei vielen Krankheiten beobachten lässt: Das psychische Symptom wechselt auf die körperliche Ebene. Der Körper übernimmt als Indikator die Funktion, bildhaft die Problematik zum Ausdruck zu bringen, die sich in der Seele abspielt. Wer „zuviel um die Ohren hat“, bei dem „läuten die Alarmglocken“. Das Krankheitsbild betrifft vor allem Menschen, die sich nicht frühzeitig genug zur Wehr setzen und sich zu spät gegen Überforderung abgrenzen. Es ist hilfreich, nach außen hin laut zu werden, indem man seine notwendige Abgrenzung äußern lernt und sich „lautstark“ gegen Überlastung wehrt.

Stress kann zu Verspannungen der Halswirbelsäulenmuskulatur führen. Über eine Blockierung der Wirbelbogengelenke kann die Tinnitusentstehung begünstigt bzw. ein bestehender Tinnitus verstärkt werden. Betroffene neigen häufig zu nächtlichem Zähneknirschen, das zu Dysfunktionen im Kiefergelenk führt, die sich ebenfalls ungünstig auf einen Tinnitus auswirken.

Tinnitus ist ein Krankheitsbild, das in sich auch große Chancen birgt, denn er zwingt, dazu, sich entspannen zu lernen. Wer sich von seinem Tinnitus panisch machen lässt und sich krampfhaft auf jede neue Therapie stürzt, wird die Erfahrung machen, dass die Ohrengeräusche sich verschlimmern. Pfeifen Sie besser auf Ihren „kleinen Mann im Ohr“! Er ist Ihr bester Lehrmeister, um Souveränität zu lernen. In dem Maße, wie Ihnen Ihr Tinnitus egal wird und Sie sich zunehmend darauf konzentrieren, wie Sie sich stattdessen Ihr Leben entspannter einrichten können, wird das Symptom zurückgehen. Tinnitus ist die typische Krankheit von Perfektionisten. Lassen Sie sich nicht nur Ihr Ohrgeräusch, sondern auch die Kleinigkeiten in Ihrem Alltag auch mal wurscht sein. Sie müssen nicht immer alles 200%ig erledigen!

Je gelassener Sie zu leben verstehen und je besser Sie mit den Unvollkommenheiten bei sich selbst, bei Anderen und im Leben allgemein umzugehen lernen, desto schneller werden Sie von der akustischen Plage erlöst.

© Margret Rupprecht

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1 Comment
  • Peter Bichler
    Posted at 13:08h, 06 September

    Vielen Dank für die gute Arbeit.

    LG

    a. München

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