Karies (Zahnfäule)

„Mitunter sitzt die ganze Seele in eines Zahnes dunkler Höhle.“ Als Wilhelm Busch diese Zeilen schrieb, spielte er in erster Linie darauf an, wie sehr nagende Zahnschmerzen einen Menschen beherrschen können. Alles andere wird unwichtig, wenn ein Zahn weh tut, und selbst zum Zahnarzt geht man dann gerne. Die humorige Sentenz kann aber auch psychosomatisch verstanden werden: Wiederkehrende Zahnkaries ist nicht nur eine Folge unzureichender Zahnpflege. Sie gibt auch Hinweise darauf, dass der Betroffene seelisch zu wenig in seiner Kraft ist. Eine Auseinandersetzung mit den psychischen Ursachen der Krankheit ist dann ebenso wichtig wie die Verbesserung der täglichen Zahnpflege.

Caries ist ein lateinisches Wort und bedeutet Morschheit, Faulheit. Es beschreibt plastisch, was eine unbehandelte Karies im Laufe der Zeit mit dem befallenen Zahn anrichtet. Glücklicherweise ist die Zersetzung harter Zahnsubstanz durch Kariesbakterien ein langsamer Prozess und die Zahnmedizin heute mehr denn je in der Lage, das Fortschreiten des Zahnverfalls aufzuhalten und bereits vorhandene Defekte mit unterschiedlichen Füllmaterialien auszugleichen.

Karies ist eine Erkrankung von Zahnschmelz und Zahnbein (Dentin). Sie beginnt mit einer Vorstufe, der sog. Initialkaries. Hier werden auf dem Zahn kleine, weiße Flecken sichtbar, an denen bereits Entmineralisierungsprozesse stattgefunden haben. Farbpigmente aus Nahrungsmitteln färben im Laufe der Zeit die zunächst hellen Flecken dunkel ein. Solange nur der Zahnschmelz befallen ist, spricht man von oberflächlicher Karies. Zu Zahnschmerzen kommt es erst, wenn die Zersetzungsprozesse fortschreiten und das Dentin angreifen. Bei der sog. tiefen Zahnkaries sind zwei Drittel der Dentinschicht zerstört und es droht Caries penetrans, die durchdringende Zahnfäule, bei der die Krankheit den Zahnnerven, also die Pulpa, erreicht.

Ursachen für Karies

Karies ist eine Infektionskrankheit, aber auch eine Zivilisationskrankheit. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kam sie kaum vor, weil die Kost bis dahin wesentlich naturbelassener und weniger industriell verarbeitet war als heute. Erst mit der Erfindung des weißen Zuckers (Saccharose, Kristallzucker) und seinem Einzug in zahlreiche Lebensmittel kam es zu einer geradezu explosionsartigen Ausbreitung der Zahnfäule. Heute hat in den westlichen Industrienationen praktisch jeder Mensch einmal oder immer wieder mit Zahnkaries zu kämpfen.

Ausgelöst werden Kariesschäden von Streptokokken, vor allem Streptococcus mutans. Die Übertragung des kariesauslösenden Erregers erfolgt bereits beim Baby durch Küssen, Ablecken des Milchflaschensaugers oder des Babylöffels durch die Mutter beim Vorkosten oder der Temperaturprüfung. Ist Streptococcus mutans erst einmal in der Mundhöhle, kommt es bei jedem Zuckerkonsum zu einer starken Vermehrung in der Plaque. Die Streptokokken wandeln dort den Zucker in Milchsäure um, die wiederum zerstörend auf den Zahnschmelz wirkt, indem sie ihn entmineralisiert. Die dadurch entstehenden Defekte fressen sich unbehandelt immer weiter in den Zahn hinein.

Karies und Psyche

Die psychosomatische Medizin ordnet Zähne den Themen Vitalität, Potenz und Aggression zu. Mit den Zähnen nimmt der Mensch das Leben, speziell die Speisen in Angriff, zermahlt sie und schließt das Einzuverleibende auf eine Weise auf, dass es ihm zuträglich wird. Dem Volksmund ist dieser Zusammenhang seit langem bekannt, was an vielen Sprichwörtern und Redewendungen erkennbar ist: Wer auch mal die Zähne zeigen kann, Biss hat oder sich durchbeißt, wird mehr Erfolg haben als jemand, der zaudert und zögerlich ist. Zähne können auch Waffen sein, was im Tierreich, beispielsweise bei Löwen oder Hyänen, besonders gut erkennbar ist.

Wenn die Zahnwaffen durch Karies zu faulen beginnen, kann der Körper damit zum Ausdruck bringen, dass die Konfliktfähigkeit des Betroffenen nicht stark genug entwickelt ist. Oft ist eine Neigung zum Verdrängen von Aggressionen zu beobachten. Die Zähne zu zeigen traut man sich dann kaum. Vitalität und Energie, um eigene, berechtigte Interessen durchzusetzen, sind unterentwickelt. Lieber geht man im übertragenen und bei Karies auch im wörtlichen Sinne „faule Kompromisse“ ein. Selbstbewusstsein und Zahngesundheit hängen enger zusammen als man manchmal vermuten mag. Hier spielt auch der Zuckerkonsum eine zentrale Rolle: Gerade für Menschen, die sich oft nicht durchzusetzen wissen und deshalb traurig und frustriert werden, sind Süßigkeiten und zuckerhaltige Nahrungsmittel ein beliebter Trost. Durch das Naschen von Zucker wird im Gehirn Serotonin ausgeschüttet. Menschen mit depressiver Verstimmung leiden an einem Serotoninmangel. Süßigkeiten erhöhen den Serotoninspiegel und heben darüber die Stimmung. Doch spätestens wenn der Serotoninspiegel wieder absinkt, kehren die Gefühle von Frustration zurück – und seine Zähne hat man auch noch gestresst. Wer oft und gern zu Süßigkeiten greift und immer wieder an Karies erkrankt, kann über eine Bewusstmachung seiner Konfliktängste viel tun, um sich auch ohne Schokolade und Gummibärchen gut zu fühlen. Karies wird dann ebenfalls zurückgehen. Wer aussprechen lernt, was ihn bedrückt oder überfordert, was er sich wünscht und was ihm gut tut, kann im Alltag kleine Erfolge erleben, die ihn auf einer tieferen Ebene glücklicher und zufriedener machen als Süßigkeiten es jemals könnten.

Praktische Tipps bei Karies

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©  Margret Rupprecht

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