Gallenwegserkrankungen

„Wer sein Herz ausschütten kann, dem wird die Galle nicht überlaufen“ sagt ein Sprichwort. Während das Herz als Symbol für positive Gefühle gilt, ist bei der Galle genau das Gegenteil der Fall. Galle steht für Ärger, Bitterkeit und Aggression. Wer zornig ist, möchte am liebsten „Gift und Galle spucken“. Galle ist ein Synonym für geronnene, feststeckende Gefühle, die ein Mensch nicht zu zeigen wagt und die sich in ihm im wahrsten Wortsinn versteinern. Wer für ein gutes Familienleben sorgt und einen Freundeskreis pflegt, in dem er über alles sprechen kann, was ihn bewegt, wird selten an der Galle erkranken. Denn wenige Organerkrankungen stehen in so engem Zusammenhang mit einem blockierten Gefühlsleben wie die Erkrankungen der Galle. Darin liegt aber auch eine Chance für die Therapie: Wer lernt, einen Zugang zu seinen tieferen Gefühlen zu finden und diese angemessen zum Ausdruck zu bringen, schafft gute Voraussetzungen dafür, dass auch seine Gallenflüssigkeit leichter fließt und nicht länger durch Entzündung, Stau und Versteinerung Beschwerden verursacht.

Die Funktionseinheit Leber, Gallenblase und Gallengänge sind ein hochkomplexes System, das vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird und daher stark auf die psychische Befindlichkeit reagiert. Unter den Gallenwegserkrankungen versteht man im Wesentlichen vier verschiedene Krankheitsbilder: Gallenwegsdyskinesien, Gallenblasenentzündung, Gallensteine und Gallenblasenkrebs. Eine Krebserkrankung der Gallenblase ist äußerst selten. Sie macht nur 1 % aller Krebserkrankungen aus und findet sich vor allem bei älteren Menschen jenseits des siebzigsten Lebensjahres. Weitaus häufiger treten Dyskinesien (Krämpfe der Wandmuskulatur von Gallenblase und Gallenwege), Entzündungen und Steine auf. Etwa 10 – 15 % der Bevölkerung leiden unter Gallensteinen, allerdings machen sie nur bei jedem Fünften Beschwerden. Meist handelt es sich um einen Zufallsbefund im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung des Oberbauches.

Gestörtes Fließen: Gallenwegsdyskinesien

Der medizinische Fachterminus Dyskinesie leitet sich vom griechischen Wort kinesis-Bewegung ab und bezeichnet „Fehlbewegungen“ der glatten Muskulatur im Sinne von schmerzhaften Muskelkrämpfen. Gallenblase und Gallengänge sind von einer Muskelschicht umhüllt, die sich zusammenziehen und entspannen kann. Über diesen Mechanismus wird pumpenartig der Weitertransport der in der Leber gebildeten Gallenflüssigkeit ermöglicht. Ähnlich wie die Peristaltik des Darmes den Nahrungsbrei weitertransportiert, verfügen auch die Gallengänge über eine Peristaltik, mit deren Hilfe die Galle in den Dünndarm geschoben wird. Diese ständig stattfindende Entleerung der Gallenblase läuft normalerweise koordiniert ab. Psychische Belastungen oder unverträgliche Nahrungsmittel können die nervalen und hormonellen Regelmechanismen dieses Geschehens stören. Zusammenziehen und Erschlaffen von Gallenblase und Gallengängen läuft dann nicht mehr harmonisch ab. Stauungen der Gallenflüssigkeit und Krämpfe sind die Folge. Dies macht sich in mehr oder weniger starken rechtsseitigen Oberbauchbeschwerden bemerkbar. Die Patienten klagen über ziehende oder drückende Schmerzen unterhalb des rechten Rippenbogens. Gallenwegsdyskinesien sind eine harmlose Erkrankung, können aber sehr unangenehme Symptome verursachen. Oft ist es hilfreich, sich gezielt damit auseinanderzusetzen, welche Nahrungsmittel oder Alltagssituationen die Symptome auslösen.

Verhärtung und Stau: Gallensteine

Die Gallensteinbildung (Cholelithiasis) beruht – physikalisch gesehen – auf einen Stau der Gallenflüssigkeit in der Gallenblase mit nachfolgender Eindickung. Begünstigende Faktoren sind Übergewicht, fettreiche Ernährung, starker Gewichtsverlust, künstliche Ernährung und eine chronisch zu geringe Trinkmenge.

Unter den Gallensteinen unterscheidet man zwischen drei verschiedenen Formen: Cholesterinsteine entstehen durch einen hohen Cholesteringehalt der Gallenflüssigkeit verbunden mit einem Mangel an Gallensalzen. Cholesterinsteine bilden sich gehäuft bei Übergewicht, erhöhtem Cholesteringehalt im Blut, Einnahme der „Pille“ oder im Rahmen der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn.

Die zweite Kategorie sind sog. Pigmentsteine. Sie bestehen vorwiegend aus dem Gallenfarbstoff Bilirubin und entstehen vor allem bei vermehrtem Blutzerfall, künstlichen Herzklappen, Malaria, chronischen Infekten der Gallenwege und Lebererkrankungen.

Die dritte Steinart ist eine Mischform aus Cholesterin- und Pigmentsteinen. Die meisten Gallensteine (80 %) haben einen überwiegenden Cholesterinanteil. Gallensteine einer Person sind fast immer vom gleichen Typ und beruhen auf der individuellen Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit.

Gallensteine sind eine Krankheit des mittleren Lebensalters, wobei Frauen wesentlich häufiger betroffen sind als Männer. Vermutlich haben sie in einer immer noch weitgehend patriarchalischen Gesellschaft mehr Grund zum unterdrückten Ärger als die sog. Herren der Schöpfung. Mediziner sprechen von der sogenannten 5-F-Regel bei der hauptsächlich betroffenen Personengruppe: female, fair, fat, forty, fecund (weiblich, blond, übergewichtig, (über) vierzig und fruchtbar). Mehrere Schwangerschaften fördern die Gallensteinbildung, weil sich die Gallenflüssigkeit in der Zeit der „anderen Umstände“ etwas eindickt. Eine Neigung zur Gallensteinbildung kommt auch familiär gehäuft vor. Das kann genetisch bedingt sein, aber seine Ursache auch in weitervererbten Verhaltensmustern bei der Konfliktlösung haben (s. u.: Die Bedeutung der Krankheit).

Gallensteine sind meistens symptomlos. Sie verursachen erst dann Beschwerden, wenn sie den Abfluss der Gallenflüssigkeit in den Darm behindern oder eine Gallenblasenentzündung (s. u.) auslösen.

Ein feststeckender Gallenstein löst eine Gallenkolik aus, die sich durch einen heftigen Schmerz im rechten und mittleren Oberbauch bemerkbar macht, der von Minute zu Minute intensiver wird und über Stunden anhalten kann. Der Schmerz entsteht durch eine krampfartige Zusammenziehung der Muskeln in der Wand der Gallenwege, um den Stein weiter zu befördern. Kolikschmerzen strahlen oft in den Rücken und in die rechte Schulter aus. Häufig werden sie von einem Druck- und Völlegefühl im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen begleitet. Auch eine Gelbfärbung der Haut kann auftreten. Das Gallensteinleiden kann von unspezifischen Beschwerden wie Blähungen, Unverträglichkeit von Fett, Kaffee, Gebratenem und kalten Getränken begleitet sein. Eine üppige, fette Mahlzeit ist häufig Auslöser einer Kolik. Gesellen sich Fieber und Schüttelfrost hinzu, muss an Komplikationen wie Gallenblasen- oder Bauchspeichelentzündung gedacht werden.

Die schnellste und leichteste Nachweismethode für Gallensteine ist eine Ultraschalluntersuchung. Sie kann Steine bis zu einem Durchmesser von 2 mm erfassen. Durch seinen Kalkgehalt zeigt der Stein einen Schallschatten. Ultraschalluntersuchungen können auch Größe, Kontraktionsfähigkeit sowie Wand- und Formveränderungen der Gallenblase nachweisen.

Die häufigste und am meisten gefürchtete Komplikation des Gallensteinleidens ist die Gallenblasenentzündung. Feststeckende Gallensteine können außerdem Gelbsucht und Bauchspeicheldrüsenentzündung auslösen.

Heißer Kampf auf engstem Raum: Gallenblasenentzündung

Eine Entzündung der Gallenblase wird in erster Linie durch Gallensteine ausgelöst. Die Steine erschweren oder verhindern den Abfluss der Gallenflüssigkeit aus der Gallenblase. Gallenflüssigkeit ist eine Säure. Wenn sie stagniert, greift sie die Schleimhaut der Gallenblase an, die sich daraufhin entzündet. Bakterien sind dabei meist nicht beteiligt. Nur selten kommt es zu einem Aufsteigen von Darmkeimen in die Gallenblase mit nachfolgender bakterieller Entzündung.

Gallenblasenentzündungen treten häufiger auf während Fastenkuren, bei Fettleibigkeit, im Rahmen einer künstlichen Ernährung oder während einer Schwangerschaft. Auch Schleimhautpolypen, Tumore oder Fehlbildungen der Gallenblase können eine Entzündung auslösen.

Die akute Gallenblasenentzündung äußert sich als fieberhafte Erkrankung mit starken Schmerzen im rechten Oberbauch. Die Schmerzen können in die Brust und in die rechte Schulter ausstrahlen. Oft gesellen sich kolikartige Beschwerden hinzu, vor allem, wenn vorher eine fettreiche Mahlzeit eingenommen wurde. Die Schmerzen kommen anfallsartig und können von Übelkeit und Erbrechen begleitet werden. Wenn die Einmündung in den Dünndarm verschlossen ist, kommt es durch das Fehlen von Gallenflüssigkeit im Darm zu einer Entfärbung des Stuhls und durch den Rückstau in die Leber und damit in den Blutkreislauf zur Gelbfärbung der Haut und der Augen. Springt die Entzündung auf das Bauchfell über oder platzt die Gallenblase sogar, kommt es zu einer schweren Entzündung des gesamten Bauchraumes mit heftigsten Bauchschmerzen. Es entwickelt sich die sog. Abwehrspannung: Die Muskulatur der Bauchdecke zieht sich zusammen und der Bauch wird bretthart.

Komplikationen im Rahmen einer Gallenblasenentzündung sind lebensbedrohliche Zustände. Die Krankheit gehört deshalb beim leisesten Verdacht in ärztliche Behandlung.

Neben der akuten Form der Krankheit gibt es auch eine chronische: Sie ist charakterisiert durch dumpfe Oberbauchschmerzen. Die chronische Form kann im Laufe der Jahre zu einer Verkalkung der Gallenblasenwand führen („Porzellangallenblase“) und die Entwicklung von bösartigen Gallenblasentumoren fördern.

Ähnliche Symptome wie eine Gallenblasenentzündung machen bisweilen auch Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Darmdivertikel, eine rechtsseitige Lungenentzündung oder Entzündungen von Blinddarm und rechtem Nierenbecken.

Die Laboruntersuchungen bei Gallenblasenentzündung zeigen eine Erhöhung der weißen Blutkörperchen, eine beschleunigte Blutsenkungsgeschwindigkeit sowie ein erhöhtes C-reaktives Protein. Bei Rückstau der Galle in die Leber sind Bilirubin und alkalische Phosphatase erhöht. Auch die Leberenzyme liegen meist über dem Normwert. Bei der Ultraschalluntersuchung zeigt sich die Blasenwand deutlich verdickt. Auch Steine und ihre Lage sind im Ultraschall in der Regel gut zu sehen.

Was der Arzt bei einer Gallenwegserkrankungen tun kann

Wenn Sie wiederholt unter drückenden und ziehenden Schmerzen im rechten Oberbauch leiden oder nach fettreichem Essen in diesem Bereich Krämpfe auftreten, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Mittels Ultraschall- und Laboruntersuchungen kann abgeklärt werden, ob es sich nur um eine funktionelle Störung (Gallenwegsdyskinesien) oder um Gallensteine bzw. eine Gallenblasenentzündung handelt. Vor allem, wenn sich in Verbindung mit Oberbauchschmerzen auch Fieber und Schüttelfrost einstellen, ist ein sofortiger Arztbesuch erforderlich.

Bei manifesten Gallensteinen wird in den meisten Fällen die Gallenblase samt Steinen operativ entfernt (Cholezystektomie). Dies geschieht in der Regel mit Hilfe einer Laparoskopie (Bauchspiegelung mit Endoskop). Dabei ist kein großer Bauchschnitt erforderlich. Die Genesungszeit ist relativ kurz. Eine Operation sollte jedoch die letzte Maßnahme sein. Zuvor kann auch eine mehrmonatige Einnahme von Gallensäuren zum Erfolg führen. Medikamentös verabreichte Gallensäuren können – über einen längeren Zeitraum eingenommen – die Steine auflösen. Ein anderes Verfahren ist die Steinzertrümmerung mit Hilfe von Schallwellen (Lithotrypsie). Größere Steine werden in kleinere Teilchen gespalten, die dann mit der Gallenflüssigkeit über den Darm aus dem Körper herausbefördert werden. Wird allerdings das hinter dem Krankheitsbild stehende seelische Thema nicht bearbeitet, kommt es nach einigen Jahren häufig zu Rezidiven. Weder die Gallenblasenentfernung noch die Auflösung der Steine mit Gallensäuren oder die Steinzertrümmerung mit Hilfe von Schallwellen ersparen dem Betroffenen die innere Auseinandersetzung mit den seelischen Ursachen der Krankheit.

Die ärztliche Therapie einer Gallenblasenentzündung richtet sich nach der auslösenden Ursache: Ist sie aufgrund von aufsteigenden Darmkeimen entstanden, kann ein Antibiotikum helfen. Bei Verschluss der Gallenwege durch Steine müssen diese entfernt bzw. manchmal auch die ganze Gallenblase herausgenommen werden.

Doch bevor der Arzt zum Messer greifen muss, können Sie oft selbst eine ganze Menge tun, um Ihre Galle im Fluss zu halten bzw. Steinbildung und Entzündungen zu vermeiden.

Was Sie selbst bei einer Gallenwegserkrankungen tun können

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Ernährung bei Gallenwegserkrankungen

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Die Bedeutung der Krankheit

Gallenflüssigkeit ist eine bittere Säure und besitzt, wie es für Säuren typisch ist, angreifende Fähigkeiten. Nicht zuletzt deshalb kommt es beim Rückstau der Gallenflüssigkeit in der Gallenblase zu einer Schleimhautentzündung: Die Gallensäuren greifen die Schleimhaut an und zersetzen sie. Das ist – genau betrachtet – ein autoaggressiver Prozess. Normalerweise sind Gallensäuren hauseigene Aggressoren, die Fremdes angreifen sollten, nämlich die zugeführte Nahrung, die im Dünndarm von der Galle angedaut wird. Speisen müssen aggressiv zersetzt werden. Nur wenn sie in ihre kleinsten Bestandteile aufgespalten werden, können sie vom Körper resorbiert und an anderen Orten zu neuem, körpereigenem Gewebe zusammengesetzt werden. Gallensäure, die nicht mehr das Fremde (Nahrung), sondern das Eigene (Gallenblasenschleimhaut) zersetzt, steht symbolisch für einen aggressiven Akt, der sich nicht nach außen – wo er hingehört -, sondern gegen das Selbst richtet.

Geht man davon aus, dass Krankheiten eine Indikatorfunktion übernehmen und auf der körperlichen Ebene ungesunde seelische Muster widerspiegeln, die auf der emotionalen Ebene gelebt werden, heißt das für Gallenwegserkrankungen: Der Betroffene kann seine in unserer Kultur als „negativ“ bewerteten Gefühle wie Wut oder Zorn nicht adäquat nach außen zeigen. Er hält sie zurück – auch wenn sie berechtigt sind – und richtet sie gegen sich selbst.

In der Tat lässt sich häufig beobachten, dass Gallepatienten, vor allem Frauen, nicht sehr konfliktfreudig sind. Sie neigen dazu, Grenzverletzungen, die ihnen von Anderen zugefügt werden, zu entschuldigen und zu bagatellisieren, statt ihren Bereich lebhaft zu verteidigen. Ihre Aggressionen verdichten sich und bleiben stecken wie ein Stein im Gallengang.

„Die Säfte müssen fließen“ pflegten die alten Ärzte zu sagen: Stockt der Gallenfluss, bilden sich Gallensteine. Stockt die Verdauung, entwickeln sich Kotsteine, stockt der Harnfluss, kommt es zu Nierensteinen. Leben ist ein Prozess permanenten Fließens. Das gilt für die körperliche ebenso wie für die seelische Ebene. Auch die Lebensenergie, zu der Gefühle der Abgrenzung ebenso gehören wie Gefühle der Integration, braucht den permanenten Fluss und sollte nicht durch falsche Rücksichtnahme gebremst werden.

Für Gallepatienten lohnt sich die Frage, in welchen Beziehungen sie sich „zurückhalten“ und ihr Gegenüber schonen auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit. Konfliktfähigkeit und das konstruktive Lösen von Interessengegensätzen ist lernbar, eventuell auch mit Hilfe einer Psychotherapie. Wer sich in diesen Lernprozess begibt, praktiziert die beste „Rezidivprophylaxe“ von Stau, Steinen und Entzündungen im Bereich der Gallenwege.

©  Margret Rupprecht

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