Raucherentwöhnung

Was ist eine Droge, was ist ein Genussmittel? Im Allgemeinen versteht man nur illegale Substanzen wie z. B. Heroin oder Marihuana als Drogen, während legale Substanzen wie Alkohol nicht als Drogen, sondern als Genussmittel gelten. Unter dieser Differenzierung leidet allerdings die realistische Einschätzung der Gefährlichkeit legaler Drogen, so auch des Nikotins. Weil Rauchen gesellschaftlich sanktioniert ist, gilt Nikotinabhängigkeit nicht im klassischen Sinne als Krankheit. Doch wer täglich Zigaretten raucht, ist suchtkrank. Wie auch bei anderen Suchterkrankungen liegen die Ursachen vorwiegend im psychosomatischen Bereich.

Wann beginnt eine Raucherkarriere? Man hat die Beobachtung gemacht: Junge Erwachsene, die bis zum zwanzigsten Lebensjahr nicht mit dem Rauchen begonnen haben, fangen auch später nur noch äußerst selten damit an. Die meisten Raucher beginnen mit dem Zigarettenkonsum in der Zeit der Pubertät, in der sie die Zigarette als Mittel entdecken, um innere Spannungen abzubauen und Unsicherheiten zu überspielen. Wer in dieser Lebensphase die Zigarette als etwas kennen lernt, an dem er sich festhalten kann, wird auch später immer wieder gefährdet sein, seine Probleme – statt sie zu analysieren und zu lösen – mit dem Griff zum Glimmstengel erträglich zu machen. Doch der Preis ist hoch: Nikotin ist eine stark giftige Substanz, die Nervensystem und Blutgefäße schädigt. Fünfzig Milligramm Nikotin würden einen Menschen töten, wenn sie ihm auf einmal verabreicht würden. Was sich die wenigsten Raucher klar machen: Wer täglich zwanzig Zigaretten raucht, führt sich dieselbe Menge zu! Er überlebt dies nur, weil sich die Nikotingabe über zwölf bis sechzehn Stunden hinzieht. Außer Nikotin, Teer und Kohlenmonoxid enthalten Zigaretten noch mehr als tausend weitere chemische Substanzen, darunter Stickoxide, Formaldehyd, radioaktives Polonium, Arsen, Blausäure und Ammoniak. Je mehr „auf Lunge“ geraucht wird, desto tiefer dringen diese Substanzen in den Körper ein. Am verheerendsten sind die Schädigungen durch Teer: Bei einem Konsum von zwanzig Zigaretten pro Tag legt sich pro Jahr etwa die Menge einer ganzen Tasse Teer an die innere Oberfläche von Lunge und Bronchien.

Nikotin beschleunigt den Herzschlag, aber verengt die Blutgefäße. Es verschlechtert die Durchblutung und führt zu einer chronischen Unterversorgung der Organe und Gewebe mit Sauerstoff. Frauen, die stark rauchen, kommen bis zu sechs Jahre früher in die Wechseljahre. Allein in Deutschland sterben jährlich zwischen 70 000 und 140 000 Menschen an den Folgen des Nikotinkonsums wie Lungenkrebs, Lungenemphysem, chronischer Bronchitis, Herzkrankheiten, Herzinfarkt und Schlaganfall. Erste Warnsignale sind Husten mit Auswurf, Atemnot, Herzschmerzen oder Herzstiche bei körperlichen Anstrengungen oder Schmerzen in den Beinen beim Gehen. Blut im ausgehusteten Schleim ist bis zum Nachweis des Gegenteils immer ein Verdacht auf Lungenkrebs und muss umgehend durch einen Facharzt abgeklärt werden!

Seelische Aspekte der Nikotinsucht

Es gibt einen umgekehrten Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und Wohlstand: Je wohlhabender die Eltern, desto weniger anfällig sind ihre Kinder für die Entwicklung einer Nikotinabhängigkeit. Kinder aus unteren sozialen Schichten greifen dagegen häufiger zur Zigarette. Rauchen dient ihnen zur Kompensation sozialer Frustrationen. Dazu passt auch, dass schlechte Schüler deutlich häufiger Raucher sind als gute.

Um die tieferen Ursachen der Nikotinsucht besser zu verstehen, ist auch ein Blick auf Sprichwörter und Redewendungen des Volksmunds erhellend: Dort kennt man Sprüche wie viel Rauch um nichts, jemandem blauen Dunst vormachen, etwas ist Schall und Rauch, jemand lässt Dampf ab oder will gegen etwas anstinken. Da verliert jemand den Durchblick oder praktiziert eine Vernebelungstaktik. Diese Bilder passen ganz wörtlich auf einen starken Raucher, der sich mit seinem Qualm umhüllt, bis er die Welt nicht mehr klar sieht: Sein Rauch besitzt etwas Verschleierndes, ist wie eine weiche Wolke, die den Blick auf die Härten des Lebens abdämpft. Wer im übertragenen Sinne viel Rauch um nichts oder anderen einen blauen Dunst vormacht, baut eine Scheinwelt auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Wer gegen etwas anstinken oder Dampf ablassen will, äußert mit seiner Zigarette einen nonverbalen Protest gegen Menschen oder Lebensverhältnisse, die ihm unangenehm sind. So wird das Rauchen zu einer Form von Weltflucht, zu Kommunikationsersatz, „sozialer Balancierstange“ (Ruediger Dahlke), Ersatz für inneren Halt und echte Lebendigkeit, ein Ventil zum Abbau von Nervosität und innerem Druck. Nicht gelebte und erlebte echte Berührungen mit anderen Menschen, seelische wie körperliche, werden ersetzt durch den immer wiederkehrenden Griff zur Zigarette. So erspart der Raucher sich das Risiko, von Anderen manchmal auch enttäuscht zu werden. Er glaubt in seiner Rauchwolkenwelt unverletzlich zu sein, nimmt sich damit aber auch die Möglichkeit, in einem engeren, authentischeren Kontakt mit anderen Menschen zu wachsen und zu reifen. Menschliche Beziehungen sind beglückend, aber eben manchmal auch anstrengend und konfliktbelastet.

Man kann das Glück von Beziehungen nicht erleben, wenn man sich nicht gleichzeitig ihren Herausforderungen stellt. Der Raucher bleibt ein Stück weit in der Mundbezogenheit des auf die Befriedigung oraler Bedürfnisse fixierten Kleinkindes gefangen und schafft nicht den Schritt von der Mundbezogenheit zur Mündigkeit eines erwachsenen Menschen. Er fällt immer wieder zurück in die bekannte Sicherheit des Saugens und nuckelt sich durch´s Leben. Die psychosomatische Medizin spricht hier von entwicklungspsychologischer Regression, also dem Stehenbleiben auf einer früheren Entwicklungsstufe, das immer dann passiert, wenn es an Vertrauen fehlt, die nächsthöhere Ebene bewältigen zu können. Schritte in eine größere emotionale Selbständigkeit und Unabhängigkeit bleiben mit Angst besetzt und werden daher gemieden. Die Zigarette fungiert wie eine Stange, an der man sich festhält; sie ist ein Ersatz für echten Halt, eben nur ein Pseudo-Halt. Wer Raucher im Alltag genau beobachtet und gut kennt, kann ihre Unsicherheit und Haltlosigkeit manchmal deutlich wahrnehmen.

Praktische Tipps für die Nikotinentwöhnung

Dass es vielen Rauchern enorm schwer fällt, von der Zigarette loszukommen, hat im wesentlichen zwei Gründe: Da ist zum einen die körperliche Abhängigkeit von der Substanz Nikotin. Wenn der Körper einmal daran gewöhnt ist, verlangt er sogleich wieder danach, sobald der Nikotinspiegel absinkt. Es dauert nach der berühmten „letzten Zigarette“ viele Tage und Wochen, bis das körperliche Bedürfnis nach Nikotin allmählich nachlässt. Ohne den entschlossenen Einsatz von Willenskraft und Disziplin werden Raucher deshalb immer wieder rückfällig.

Eine zweite Ursache, die fast noch schwerer wiegt, ist seelischer Natur: Wer viele Jahre geraucht hat und plötzlich darauf verzichtet, wird auf einmal mit Gefühlen von psychischer Instabilität konfrontiert, die ihn bisher Tag für Tag zur Zigarette greifen ließen. Wenn die Zigarette als Ersatzbefriedigung wegfällt, fühlen sich viele Ex-Raucher von Menschen und von Situationen überfordert und sind auch deshalb stark rückfallgefährdet. Eine Verhaltenstherapie oder eine Psychotherapie können helfen, die eigene Lebenssituation besser zu verstehen und andere, gesündere Wege zu psychischer Erfüllung zu finden.

Wer mit dem Rauchen aufhört, wird mit einer besseren Gesundheit und höheren Lebenserwartung belohnt. Nach fünfzehn rauchfreien Jahren ist das Lungenkrebsrisiko wieder so niedrig wie bei Nichtrauchern. Die Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, reduziert sich schon nach wenigen Jahren. Husten, verstärktes Schwitzen, fettige Haut und Geschmacksstörungen gehen sogar innerhalb von wenigen Tagen bis Wochen zurück.

In der ersten Zeit kann man den Drang zur Zigarette mit zuckerfreien Kaugummis, Pfefferminzbonbons, Lakritzen oder sauren Drops „unterwandern“. Spezielle Raucherkaugummis enthalten Nikotin in unterschiedlich hoher Dosierung. Diese Dosis wird nach und nach immer mehr verringert, so dass der Körper vom Nikotin allmählich entwöhnt wird. Ähnlich funktionieren Nikotin-Pflaster. Auch sie mildern die körperlichen Entzugserscheinungen ein wenig.

Aus der Naturheilkunde hat sich für die ersten Wochen und Monate nach der letzten Zigarette eine Urtinktur von Avena sativa (Hafer) bewährt. Hafer ist eine ausgesprochen bewegliche und elastische Pflanze. Fegt ein Sturm über ein Haferfeld, werden die Halme – im Gegensatz zu Weizen oder Roggen – fast nie geknickt. Sie beugen sich zwar, richten sich aber bald wieder auf, sobald der Wind nachgelassen hat. Aus erdbebengefährdeten Gebieten ist bekannt, dass starre und kompakte Konstruktionen nicht in der Lage sind, die Energie von Erschütterungen auszugleichen. Sie brechen viel leichter zusammen, während schwingende und elastische Bauweisen erheblich belastbarer sind. Im arzneilichen Einsatz von Avena sativa ist es gerade diese Qualität von Elastizität und Beweglichkeit, die sich von der Haferpflanze auf den Menschen überträgt. Das macht Avena zu einer wertvollen Arzneipflanze für Menschen mit mangelnder psychischer Stabilität. Ihnen gibt eine Hafertinktur die Kraft, in Belastungssituationen schneller zur inneren Mitte zurückzufinden. Hafer ist eine ideale Heilpflanze zur Unterstützung der Raucherentwöhnung, aber auch zur naturheilkundlichen Begleittherapie beim Alkohol- und Drogenentzug.

Die Homöopathie kennt folgendes Rezept, um die Entwöhnung vom Nikotin zu erleichtern: die Kombination von Tabacum D4, Lobelia D4 und Lycopodium D4 aa 10.0, 3 x täglich 5 Tropfen (kann man sich in der Apotheke mischen lassen).

Raucher sollten noch lange Zeit nach der letzten Zigarette regelmäßig hochwertige Multivitamin- und Mineralstoffpräparate zu sich nehmen, damit sich ihr Stoffwechsel normalisieren und entgiften kann. Besonders wichtig sind – auch zur nervlichen Stabilisierung – die B-Vitamine, ferner Niacin, Glutamin, Pantothensäure und Vitamin C.

Zur Sedierung bei Erregungszuständen hilft gerade am Anfang das Zubereiten eines guten Nerventees. Dabei hat der Patient etwas zu tun, kann etwas mit seinen Händen machen und erfährt durch das Trinken eine dem Saugen ähnliche orale Befriedigung. Ein strenges Bewegungs- und Sportprogramm wirkt – gerade in den ersten Wochen und Monaten – zusätzlich ablenkend und psychisch wie körperlich stabilisierend.

© Margret Rupprecht

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