Haltungsschwäche bei Kindern

„In der Haltung des Körpers verrät sich der Zustand des Geistes. Durch die Körperbewegung spricht gleichsam des Geistes Stimme.“ Diese Sätze stammen nicht aus einem frühen Lehrbuch der Psychosomatik, sondern wurden vom Kirchenlehrer Ambrosius bereits im vierten Jahrhundert niedergeschrieben.

Während man früher glaubte, eine gute Haltung sei einzig das Produkt von Disziplin, weiß man heute, dass sie in erster Linie äußerer Ausdruck eines inneren Befindens ist. Imperative wie „Brust raus, Bauch rein!“, die insbesondere die Älteren in ihrer Jugend noch häufig zu hören bekamen, führen meist nur zu kurzfristigen Ergebnissen. Eine dauerhaft gute Haltung kann ein Kind nur entwickeln, wenn in seiner Familie eine Kultur der Auf-Richtigkeit gepflegt wird.

Orthopäden sprechen dann von einer Haltungsschwäche, wenn die Rückenmuskulatur nicht stark genug ist, um den Körper aufrecht zu halten. Insbesondere die Aufrichtung des Rumpfes im Brustwirbelsäulenbereich fällt dem Kind schwer. Es neigt zum Rundrücken und muss sich zudem noch den Vorwurf anhören: „Du lässt dich hängen!“ – als wenn ein kindlicher Rundrücken nichts anderes wäre als ein Charakterfehler. Oft wird übersehen, wie sehr Kinder sich emotional regelrecht „krumm legen“, um Aufmerksamkeit und Liebe zu erhalten. Von Eltern und Erziehern wird zu wenig wahrgenommen, wie sehr diese Kinder „buckeln“ müssen und wie stark die äußeren Zwänge sind, denen sie sich zu beugen haben.

Es lohnt sich, hinzuschauen und vor allem tiefer zu schauen: Was passiert eigentlich, wenn ein Kind mit Rundrücken durch´s Leben geht? Es überstreckt die Muskulatur seiner Rückseite, um seine weichen, verletzlichen Partien, vor allem Bauch und Brust, zu schützen. Diese Haltung ist Ausdruck von Angst. Sie ist das Gegenteil des „Sich-Brüstens“ und verrät ein geringes Selbstvertrauen. Ein gebeugter Mensch macht einen demütigen Eindruck. Natürlich kann man Kinder mit einer schlechten Haltung immer wieder mit dem Satz ermahnen „Halte Dich gerade!“ Aber wenn Eltern ihr Kind nicht von innen heraus stark machen, wird es immer wieder in sich zusammensinken. Nur Kinder, die sich geliebt und gefördert fühlen, deren Gefühle respektiert und deren kindliche Würde geachtet wird, können aufrecht durch´s Leben gehen. Ein Kind mit schlechter Haltung spiegelt so gesehen ein Stück weit die psychischen Dysbalancen in der Familie wider. Diese Tatsache ist für Eltern schwer auszuhalten, weil die schlechte Haltung ihres Kindes sie mit eigenen seelischen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Dem ins Auge zu sehen und sich damit auseinanderzusetzen ist schmerzhaft, kann sich aber nicht nur für das gebeugte Kind, sondern für die ganze Familie als Herausforderung erweisen, von der alle nur profitieren können.

Organische Ursachen einer schlechten Haltung

Neben einer mehr psychisch bedingten Haltungsschwäche gibt es Erkrankungen des kindlichen Bewegungsapparates, die einer regelmäßigen fachorthopädischen Behandlung bedürfen. Sie gehören zu den organischen Wirbelsäulenerkrankungen und gehen oft mit knöchernen Deformationen einher. Dazu gehört vor allem die Skoliose. Hier krümmt sich die Wirbelsäule nach rechts oder links zur Seite. Am Anfang ist die seitliche Verkrümmung so gering, dass Eltern sie kaum bemerken. Eine Skoliose kann von Geburt an vorliegen oder Folge eines Unfalls, einer Schwäche der Rückenmuskulatur oder einer schweren Infektion sein. Sie kann sich jederzeit entwickeln und etwa durch Wachstumsschübe oder Beinlängendifferenzen ausgelöst werden. Wenn beim Kind von hinten betrachtet eine Schulter etwas niedriger ist als die andere oder es beim Beugen nach vorne schief steht, sollten Eltern einen Orthopäden aufsuchen.

Bei älteren Kindern, vor allem bei Jungen, ist ein Rundrücken manchmal erstes Symptom der sog. Scheuermann-Krankheit. Der vordere Teil der Wirbelkörper, der größeren Belastungen als der hintere ausgesetzt ist, stirbt ab und wird dadurch zusammengedrückt. Die Wirbel verändern sich keilförmig, wobei die schmale Seite nach vorne zeigt. Der so entstehende Rundrücken ist dann nicht mehr Ausdruck einer schlechten Haltung, sondern ein echter knöcherner Buckel. Ein Kind mit auffälligem Rundrücken sollte daher immer vom Orthopäden untersucht werden – und zwar nach Möglichkeit schon lange vor dem Zeitpunkt, an dem es über Rückenschmerzen klagt. Kinder mit Haltungsschäden brauchen über viele Jahre eine regelmäßige Krankengymnastik und Haltungsschulung. Sie dürfen weder schwer tragen, noch lange sitzen oder schwere körperliche Anstrengungen unternehmen. Wärme und Massagen werden bei akuten Beschwerden immer als wohltuend empfunden.

Praktische Tipps bei Haltungsschwächen

Haltungsschwache Kinder brauchen mehr Zuwendung, mehr innere und äußere Unterstützung und mehr Respekt. Dann richten sie sich mit der Zeit von alleine auf. In schweren Fällen können einige Stunden systemischer Familientherapie Eltern und Kindern gute Impulse geben. Auch eine äußere Haltungsschulung wie die Heil-Eurythmie der Anthroposophen oder die Feldenkrais-Arbeit wird unterstützend wirken und dem Kind im Laufe der Zeit eine bessere Haltung geben. Regelmäßiger Sport und viel Bewegung tun ein Übriges. Durch Schulung der äußeren Haltung festigt sich auch die innere – und umgekehrt.

Auch bei organischen Haltungsschäden spielt die seelische Situation des Kindes eine wichtige Rolle und bleibt ein zentraler Aspekt im Rahmen der ganzheitlichen Therapie. Zubereitungen aus Equisetum (Ackerschachtelhalm), z. B. 3 x täglich einige Tropfen einer Equisetum-Urtinktur, wirken sich stärkend auf den Bewegungsapparat und auf die Psyche aus. Sie sind eine gute Begleittherapie zu Krankengymnastik und Sport.

©  Margret Rupprecht

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