Gicht

„Prassen bringt Gicht“ schreibt Wilhelm Busch und bringt es damit auf den Punkt: Seit Jahrhunderten gilt Gicht als Krankheit von Über- und Fehlernährung. Viele Karikaturen der Barockzeit machten sich darüber lustig. Prominentester Patient der Geschichte war Friedrich der Große. Er brachte seine Ärzte zur Verzweiflung, weil er sich an keine Diät hielt, gerne Fleisch und Innereien aß und bis zu vierzig Tassen Kaffee am Tag zu trinken pflegte.

Gicht ist eine Wohlstandskrankheit, die vor allem durch zu hohen Konsum von Fleisch und Alkohol entsteht. Beide Lebensmittel erhöhen die Harnsäurekonzentration im Blut. Die Löslichkeitsgrenze wird überschritten, so dass sich kleine Kristalle bilden. Sie lagern sich zunächst in den kleineren, später auch in größeren Gelenken ab. Dort kommt es zu extrem schmerzhaften Entzündungen. Podagra („Fußzange“) oder Zipperlein nannten die Alten einen Gichtanfall am Großzehengrundgelenk, der häufigsten Lokalisation für eine harnsäurebedingte Gelenkentzündung.

Die Krankheit gilt als „Herrenkrankheit“. Die weitaus meisten Patienten sind Männer im mittleren Lebensalter. Frauen sind erheblich seltener betroffen. Ihr Risiko, eine Gicht zu entwickeln, steigt jedoch nach den Wechseljahren.

Gicht wird heute definiert als Störung des Purinstoffwechsels. Purine bilden das Grundgerüst der Harnsäure. Übersteigt der Harnsäurespiegel im Blut den Wert von 6,5 mg/dl, kommt es zur Ausfällung von Harnsäurekristallen, die sich in Gelenken und Geweben ablagern. Bei konstant erhöhten Harnsäurewerten von > 6,5 mg/dl spricht die Medizin von Hyperurikämie. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Begriff für Harnsäure, Acidum uricum, ab und bedeutet übersetzt „zu viel Harnsäure im Blut“. Die Hyperurikämie ist die eigentliche Erkrankung, während die Bezeichnung Gicht, medizinisch auch Arthritis urica genannt, primär die Gelenkerkrankung als Folge der Abscheidung von Harnsäurekristallen bezeichnet.

Wie wird Gicht diagnostiziert?

Eine Neigung zu erhöhten Harnsäurewerten wird vom Hausarzt oft schon festgestellt, bevor es zum Auftreten eines typischen Gichtanfalles kommt.

Ein zunehmender Anstieg der Harnsäure lässt sich sowohl im Blut als auch im 24-Stunden-Harn feststellen. Der Anstieg kann durch eine vermehrte Neubildung oder eine verminderte Ausscheidung von Harnsäure bedingt sein. Als Normalwerte gelten im Blut 2,5 – 6,5 mg/dl, im 24-Stunden-Harn 300 – 800 mg. Liegen die Harnsäure-Werte nach mehrmaliger Messung im Blut dauerhaft über 6,5 mg/dl bzw. im 24-Stunden-Harn über 800 mg, gilt eine Hyperurikämie als sicher. Eine Gicht im eigentlichen Sinne macht sich als schmerzhafte Gelenkentzündung bemerkbar. Sie spielt sich meist am Großzehengrundgelenk (60 – 70 % der Fälle) oder am Knie ab.

Woran merke ich, dass ich einen Gichtanfall habe?

Beim Gichtanfall schwillt das Gelenk an, wird hochrot und schmerzt unerträglich. Es fühlt sich heiß an und ist sehr druckschmerzhaft. Oft greift die Entzündung auf die Umgebung über. Begleitend treten Allgemeinsymptome wie Krankheitsgefühl, Frösteln, mäßiges Fieber (38,5 – 39°C), Pulsbeschleunigung, Kopfschmerzen und Erbrechen auf. Unbehandelt kann die Gelenkentzündung Tage bis Wochen andauern mit Schmerzhöhepunkten vor allem während der Nacht.

Eine einmal aufgetretene harnsäurebedingte Gelenkentzündung ist ein ernster Hinweis auf eine schon seit längerer Zeit bestehende Erhöhung der Harnsäurewerte. Bis zum nächsten Gichtanfall können Tage, Wochen oder Jahre vergehen. Chronisch wird eine Gicht erst dann, wenn sie unbehandelt bleibt. Dann treten die Gelenkentzündungen häufiger auf. Etwa bei 20 % der Gichtpatienten geht die Krankheit in ein chronisches Stadium über. Dann greift sie den Gelenkknorpel an und wirkt zunehmend gelenkzerstörend.

Bei der chronischen Form der Gicht bilden sich in den Geweben sog. Gichtknoten, konzentrierte Harnsäureablagerung außerhalb von Gelenken. Bevorzugte Stellen sind Ohrknorpel, Augenlider, Nasenflügel, Schleimbeutel und Streckseiten der Ellenbogengelenke.

Eine gefürchtete Spätkomplikation der Hyperurikämie ist die Gichtniere. Darunter versteht man eine Nierenschädigung durch starke Ablagerungen von Harnsäurekristallen im Nierengewebe bzw. die Bildung von Harnsäuresteinen.

Was sind die Ursachen für Gicht?

Bei den Ursachen für erhöhte Harnsäurespiegel und Gicht werden zwei Formen unterschieden: Primäre und sekundäre Hyperurikämie.

Bei der primären Hyperurikämie liegt eine erbliche Veranlagung zu vermehrter Harnsäurebildung und/oder verminderter Harnsäureausscheidung vor. Etwa 99 % der Patienten leiden an einer Störung der Harnsäureausscheidung, 1 % unter einer vermehrten körpereigenen Harnsäurebildung als Folge von Enzymdefekten.

Bei der sekundären Form liegt die Ursache in einem vermehrten Anfall von Harnsäure, z. B. ernährungsbedingt, einer verminderten Harnsäureausscheidung oder einer vermehrten körpereigenen Harnsäurebildung bei gleichzeitig verminderter Ausscheidung.

Weitere Ursachen sind:

  • Alkoholkonsum: Alkohol steigert im Körper die Bildung von Harnsäure und erhöht darüber den Blutharnsäurespiegel.
  • Radikale Abmagerungskuren: Sie können zu Harnsäurespiegeln > 10 mg/dl führen. Purine, das Grundgerüst der Harnsäure, sind vor allem in Zellkernen enthalten. Durch den starken Abbau körpereigener Zellen während des Fastens entwickelt sich eine regelrechte Harnsäureüberflutung. Durch den Abbau von Körperfett werden außerdem Ketonkörper gebildet, welche die Ausscheidung der Harnsäure über die Niere reduzieren.
  • Chemotherapie im Rahmen der Krebsbehandlung: Während einer Chemotherapie kommt es zur massiven Einschmelzung von Tumorgewebe und dadurch ebenfalls zum Zellzerfall. Der Harnsäureanstieg kann bis zu 50 mg/dl betragen.
  • Erkrankungen mit erhöhtem Umsatz von Blutzellen: Blutkrankheiten wie z. B. Leukämie oder Polyglobulie können Harnsäurewerte bis zu 20 mg/dl nach sich ziehen.
  • Krankheiten, welche die Harnsäureausscheidung vermindern, z. B. die Überfunktion von Schilddrüse oder Nebenschilddrüse, ferner auch Glykogenspeicherkrankheiten.

Was Sie bei Gicht selbst tun können

Schulmedizinisch wird Gicht vor allem mit sog. Urikosurika und Urikostatika behandelt, die den Harnsäurespiegel stabilisieren. Der Patient kann aber gerade bei diesem Krankheitsbild sehr viel selbst tun, um seine Harnsäurewerte zu senken und den schmerzhaften Gelenkentzündungen vorzubeugen:

Schmerzen beim akuten Gichtanfall lassen sich mit konservativen Maßnahmen ein gutes Stück lindern. Wohltuend ist es, das entzündete Gelenk mit kalten Umschlägen oder Eispackungen zu kühlen. In manchen Fällen helfen homöopathische Schmerzmittel, vor allem wenn sie Colocynthis (Koloquinte), Mezereum (Seidelbast) und Ranunculus bulbosus (Knolliger Hahnenfuß) enthalten.

Bewährt hat sich ferner Colchicum D4 in Tropfenform, 1/4stündlich 10 Tropfen beim akuten Anfall. Colchicum- (Herbstzeitlose), aber auch Salix- (Weidenrinde) Präparate zeigen in der Behandlung der akuten Zustände fast immer gute Ergebnisse. Man muss sich jedoch bewusst bleiben, dass die Schmerzlinderung beim akuten Gichtanfall lediglich eine Symptombehandlung ist. Eine wirkliche Ursachentherapie wird nur mit konsequenter Ernährungsumstellung möglich sein.

Gute Erfolge kann man erzielen, wenn man die Nahrung auf biologische, basenbildende Vollwertkost umstellt und parallel dazu mit entsäuernden Heilpflanzen arbeitet. Hier sind vor allem Birke (Betula) und Brennnessel (Urtica dioica) zu nennen. Mehrere mehrwöchige Kuren pro Jahr, z. B. mit einer pflanzlich-homöopathischen Urtinktur, einem Tee oder einem Frischpflanzenpreßsaft, entsäuern den Organismus, sorgen für eine kräftige Blutreinigung und beugen Gichtanfällen vor. Menschen mit Neigung zu erhöhten Harnsäurewerten sollten regelmäßig auf diese beiden Pflanzen zurückgreifen.

Ernährung bei Gicht und erhöhten Harnsäurespiegeln

Harnsäure ist das Endprodukt des Purinabbaus im Körper. Purine sind Bestandteile der Nukleinsäuren im Zellkern. Sie werden etwa zu 50 % über die Nahrung aufgenommen und zu 50 % vom Körper selbst gebildet. Eine purinarme Ernährung kann daher maßgeblich zur Senkung des Harnsäurespiegels beitragen. Nur wenn eine Ernährungsumstellung nicht ausreicht, sollte man mit Medikamenten nachhelfen.

Bei Veranlagung zu Hyperurikämie ist deshalb die Harnsäurezufuhr über die Nahrung auf unter 500 mg pro Tag zu beschränken. Als Faustregel gilt: Nicht mehr als 150 g Fleisch, Fisch und Wurst pro Tag verzehren. Innereien und harnsäurereiche pflanzliche Nahrungsmittel sind ebenfalls mit großer Zurückhaltung zu genießen. Dasselbe gilt für Alkohol. Alkohol begünstigt die Bildung von Milchsäure, was eine Übersäuerung des Blutes nach sich zieht. Dadurch wird die Löslichkeitsgrenze für Harnsäure zusätzlich reduziert und die Auskristallisation von Harnsäurekristallen gefördert. Alkohol hemmt die Harnsäureausscheidung über die Niere und regt die körpereigene Harnsäuresynthese an. Diese Mechanismen sind der Grund, warum reichlicher Alkoholgenuss bei Menschen mit ohnehin erhöhten Harnsäurewerten leicht einen Gichtanfall auslösen kann.

Lebensmittel mit hohem Eiweißgehalt haben meist auch einen hohen Puringehalt. Gichtpatienten sollten deshalb auch Milchprodukte nur sparsam zu sich nehmen und auf fettarme Sorten zurückgreifen. Fett fördert die Entstehung sog. Ketonkörper. Sie wirken hemmend auf die Harnsäureausscheidung über die Niere. Eine fettarme Ernährung ist für Gichtpatienten daher ebenfalls wichtig.

Unbedingt zu vermeiden sind neben Innereien auch Fleisch- und Hefeextrakte, Anchovis, Heringe, Makrelen, Ölsardinen und geräucherte Sprotten. Bei Geflügel empfiehlt es sich, die purinreichere Haut vor dem Verzehr zu entfernen.

Eine fettarme ovo-lacto-vegetabile Kost (vegetarisch mit ein wenig mageren Milchprodukten und Eiern) ist für Menschen mit erhöhten Harnsäurespiegeln und Gichtneigung die beste Ernährungsform.

Wer zu Hyperurikämie neigt, sollte auf reichliche Flüssigkeitszufuhr achten. Zwei Liter Neutralflüssigkeit pro Tag (Wasser, Tee, verdünnte und ungezuckerte Obstsäfte) sind das Minimum. Besonders gut geeignet zum Entsäuern und Entgiften ist übrigens das tägliche Trinken von Hafertee. Grundsätzlich gilt: Je mehr Flüssigkeit man sich zuführt, desto eher ist gewährleistet, dass die Harnsäure in Lösung bleibt und nicht auskristallisiert. Basische Mineralwässer sind besonders wertvoll. Saure Fruchtsäfte, v. a. Orangensaft, haben wegen ihres Citratgehaltes, der hemmend auf die Steinbildung wirkt, ebenfalls einen positiven Effekt für die Vorbeugung von Harnsäuresteinen in der Niere.

Die Bedeutung der Krankheit Gicht

Der psychosomatische Arzt Dr. Ruediger Dahlke weist darauf hin, dass Harnsäure eine aggressive Substanz darstellt. Menschen, deren Blut zuviel von dieser Säure enthält, haben sozusagen ein „Abfallbeseitigungsproblem“ im aggressiven Bereich. Im Lebensstrom Blutkreislauf staut sich zu viel aggressive Energie. Das führt zunächst im kleinen Bewegungsumfeld (kleine Gelenke) zu schmerzhaften Konflikten, später in der Gesamtbeweglichkeit, wenn auch größere Gelenke befallen werden wie z. B. Knie oder Schulter. Nach Dahlke sind Harnsäurekristalle Ausdruck einer „verfestigten Kampfenergie“ in Form von „ungelösten Knoten aus Sauersein“. So betrachtet sprechen Hyperurikämie und Gicht eine deutliche Sprache: ein Mensch behält seine Aggressionen in selbstschädigender Weise für sich. Sinnvoller wäre es, Aggressivität im Sinne von konstruktiver Konfliktbearbeitung im Außen zu leben.

Eine besondere Beachtung verlangt auch die Tatsache, dass erhöhte Harnsäurespiegel vor allem ein männliches Problem darstellen. Eine offensive Lebensbewältigung ist zwar Aufgabe beider Geschlechter, Aggression ist jedoch aufgrund genetischer und hormoneller Prägungen eine primär männliche Eigenschaft. Ein Mann mit übersäuertem Stoffwechsel kann seinen männlichen Pol, symbolisiert in der Säure, nicht ausreichend auf eine erlöste Ebene bringen, also im wahrsten Sinne des Wortes „in Lösung halten“. Er neigt möglicherweise dazu, eher herrisch statt männlich zu sein und in stärkerem Maße Wut anstelle von konstruktiver Kraft bei der Bewältigung seines Alltags zu entwickeln.

Eine bewusstere Auseinandersetzung mit der eigenen aggressiven Energie, die Steigerung der Bereitschaft zu konstruktiver Konfliktlösung – statt Konfliktverdrängung – sowie ein lebendiger, ungehemmter Ausdruck der eigenen Lebensbedürfnisse stellen psychosomatisch betrachtet den richtigen Weg dar, um die vermehrte Säurebildung im Bereich des Organischen als Indikator überflüssig zu machen. Wenn „Mann“ sich bewusster mit seinen verdrängten Aggressionen auseinandersetzt, sich „mehr Beweglichkeit verschafft“ und die ungelösten Knoten in seinem Leben bewusster und kämpferischer in Angriff nimmt, ist ein wichtiger Schritt in der Behandlung der seelischen Hintergründe von Hyperurikämie und Gicht getan.

©  Margret Rupprecht

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