Wermut – Artemisia absinthium

Eine Heilpflanze zur Verbesserung der Verdauungsleistung und zur Stimmungsaufhellung über den Weg von Magen und Darm

Viel ist geschrieben worden über das Wesen der Depression. Da stellt sich die Frage, ob es einer weiteren Betrachtung dieses vielschichtigen und schwer zu definierenden Krankheitsbildes bedarf. Aber vielleicht ist der Versuch legitim, sich dem Phänomen der Depression auf sehr schlichte Weise über die ursprüngliche Wortbedeutung zu nähern. Ein tieferes Verständnis eines Be-Griffes ermöglicht dem Betrachtenden ein leichteres Be-Greifen des Wesens einer Sache. Sprache schafft Wirklichkeit und Wirklichkeit drückt sich aus in Sprache.

Der medizinische Fachterminus Depression leitet sich ab vom lateinischen deprimere, depressum und bedeutet niederdrücken, senken. Im Leben eines betroffenen Menschen muß es etwas geben, das ihn bedrückt und niedergeschlagen macht. Wohl jeder weiß aus eigenem Erleben, wie groß die Versuchung ist, die Ursachen dafür im Außen zu suchen. Sei es eine lieblose Kindheit, eine unbefriedigende Arbeit, Unerfülltheit in der Partnerschaft oder sonstige Faktoren, die auf den ersten Blick einen Menschen in ein Leiden an seiner Außenwelt und in einen tiefen Zustand von Bedrücktsein führen können.

Die Kunst einer guten Psychotherapie besteht darin, den Blick des Patienten vom Außen auf das Innen zu lenken, ihn für eigene Anteile an seinem „Unglück“ zu sensibilisieren und im selben Maße sein Selbstvertrauen so weit zu steigern, daß er erkennen und spüren kann, wie sehr jeder Mensch, also auch er, sein Schicksal selbst gestalten kann. Wer von der Ohnmacht zum Handeln zurückfindet, kann sich aufrichten. Bei der Betrachtung mancher Lebenswege entsteht sogar der Eindruck, daß das Leben einen Menschen gerade deshalb niederdrückt hat, damit er die Kraft entwickeln konnte, sich aufzurichten, dem Druck einen Gegendruck entgegenzusetzen und dadurch ein hohes Maß an persönlicher Stärke zu entwickeln.

Wer niedergeschlagen ist, sucht sich Erfüllung und Bestätigung von Menschen und Lebensumständen, die ihm beides – aus welchen Gründen auch immer – nicht geben können. Man ist auf diese Menschen und Lebensumstände fixiert und nimmt nicht mehr wahr, daß man das, wonach man sich sehnt, anderswo mit Leichtigkeit bekommen könnte. Voraussetzung ist allerdings, daß man seinen Blick nicht von der Schwerkraft nach unten ziehen läßt, sondern ihn immer wieder nach oben, in die Weite der vielfältigen Möglichkeiten richtet. Diese Veränderung des Blickwinkels ist das Schwerste und das Leichteste zugleich. Hier beginnt Heilung und diese ist, wie so oft, nicht ohne Kraftanstrengung und manchmal erst am Ende eines längeren Entwicklungsprozesses zu erlangen. Wermut unterstützt diesen Prozess.

Wermut – eine Pflanze von trauriger Gestalt

Das Wesen des Wermuts erschließt sich dem Betrachtenden über eine genaue Beobachtung seiner Pflanzengestalt.

Wermut ist eine stattliche mehrjährige Pflanze von bis zu zwei Metern Höhe. Er ist nicht sehr klar in Stängel, Blätter und Blüte gegliedert wie es z. B. bei der Sonnenblume der Fall ist. Seine Gestalt hat etwas Indifferentes. Die drei Elemente Stängel, Blatt und Blüte finden sich überall, unten am Boden ebenso wie oben in der Spitze. Die Pflanze besitzt eine gewisse Ausstrahlung von „Unklarheit“, was ihre äußere Form anbelangt.

Wermut gehört wie Sonnenblume, Löwenzahn oder Margerite zur großen Familie der Korbblütler. Angesichts dieser Tatsache ist es ziemlich ungewöhnlich, daß seine Blüten alles andere als strahlend nach oben zur Sonne hin ausgerichtet sind. Denkt man an die ausladenden, leuchtend-gelben Blütenstände der Sonnenblume oder des Löwenzahns, könnte der Kontrast größer nicht sein: Wermutblüten sind klein, zusammengerollt, kugelig und richten ihren Blütenkorb ausnahmslos nach unten zur Erde. „Hängende Köpfchen“ ist die erste Assoziation, die sich einstellt, wenn man einen blühenden Wermut betrachtet. Normalerweise assoziiert man mit Blühen etwas Strahlendes, nach oben Gerichtetes. Der Wermut blüht jedoch in sich verschlossen, als ob er sich nicht traut oder nicht über die Kraft verfügt, sich wirklich zu öffnen und sich der Weite des Himmels entgegenzustrecken. Er strebt nicht wie andere Blüten nach dem Verströmen von Form, Farbe und Duft, noch sucht er den Austausch mit Licht und Luft. Wermutblüten strahlen Verschlossenheit aus. Ihr Äußeres zeigt Introvertiertheit und Selbstbeschränkung.

Wermut in der Medizingeschichte

Die arzneiliche Verwendung des Wermuts hat eine lange Geschichte. In der Antike wird er von Hippokrates, Plinius und Galen erwähnt, im Mittelalter begegnet man ihm zum ersten Mal im „Hortulus“, einem Lehrgedicht des Abtes und Botanikers Walafrid Strabo aus dem 9. Jahrhundert. Wie hoch Wermut im Ansehen stand, wird daraus ersichtlich, daß ihm Tabernaemontanus in seinem Kräuterbuch nicht weniger als 13 Folioseiten widmet. Eine interessante Anwendung fand das Kraut während des Dreißigjährigen Krieges: „Willst Du von Ungeziefer gesichert sein, so tauche dein Hemd in einen Absud von Wermut und Hufabschnitzeln von Pferden in halbverdünnter Lauge und laß es trocknen: so kommt dir keine Laus hinein.“

Noch heute wird Wermut gegen Ungeziefer und Parasiten eingesetzt, so auch bei Würmern im Darm.

Wermut wird seit Jahrhunderten als magenstärkende Heilpflanze geschätzt. Man gibt ihn sowohl bei untersäuertem als auch bei übersäuertem Magen, ferner bei Gallen- und Leberleiden. Beeindruckend ist seine Wirkung bei Mundgeruch und übelriechendem Stuhl. Gute Resultate erzielt man ferner bei Appetitlosigkeit, häufiger Blähungsneigung, Blutarmut, Darmentzündungen und Gelbsucht. Sehr gelobt wird das Mittel von Patienten mit operativ entfernter Gallenblase. Nach Gerhard Madaus, der ein großer Heilpflanzenkenner war, „hebt Wermut die Energie, schafft Lebensfreude und Arbeitslust.“ Die anregende Kraft auf die Psyche ist seit langem bekannt. Madaus empfiehlt den Wermut außerdem bei nervös bedinger Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Fieber.

Praktische Einsatzmöglichkeiten für Wermut

Wermut gehört zu den bittersten Heilpflanzen. Gleichzeitig vereinigt er seine Bitterkeit mit einem intensiven, durchdringenden Aroma.

Bitterstoffe regen die Tätigkeit der Verdauungsdrüsen an und steigern die Produktion der körpereigenen Enzyme. Diese sind nötig, um im Verdauungstrakt die Nahrungsbestandteile aufzuspalten und dadurch zu „überwinden“. Dazu ist Kraft und Offensivität erforderlich. Bei genauerer Betrachtung lässt sich beobachten, dass die Kraft, die ein Mensch für die Bewältigung seines Alltags besitzt, in engem Zusammenhang mit seiner Verdauungskraft steht. Menschen mit melancholischer Grundstimmung klagen häufig über Verdauungsschwächen wie Völlegefühl,  Blähungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Verstopfung. Es scheint, als ob die Energie, die ihnen im Bereich des Psychischen fehlt, auch im Verdauungstrakt nicht zur Verfügung steht. Als wenn es einen Zusammenhang gibt zwischen der Fähigkeit zur energetischen Durchdringung der Lebensaufgaben und der enzymatischen Durchdringung der aufgenommenen Nahrung. Angesichts der Tatsache, dass die Verdauungstätigkeit vom vegetativen Nervensystem autonom gesteuert wird, ist diese Verbindung nicht weiter verwunderlich. Wie im Innen, so im Außen – für den Zusammenhang von psychischem Befinden und Verdauungstätigkeit ist dies in hohem Maße gültig.

An dieser Schnittstelle beginnt Wermut seine heilende Kraft zu entfalten. Seine erwärmende und tonisierende Kraft bewährt sich bei erschlafftem Magen, Appetitlosigkeit und Verdauungsschwäche aller Art.

Die wichtigsten Indikationen für die Gabe von arzneilichen Wermutzubereitungen sind Völlegefühl, Magendrücken, Neigung zu Blähungen und Verstopfung sowie die Unverträglichkeit von Eiweiß (vor allem Eier und Fleisch). Wermut macht Speisen bekömmlicher und seine Einnahme empfiehlt sich z. B. auch vor und nach einem Festessen.

Eine regelmäßige Wermut-Einnahme bessert depressive Verstimmungen, die auf eine Verdauungsschwäche zurückgehen.

Wermut reduziert Mundgeruch, regt den Appetit an, wirkt Blutarmut entgegen, reduziert Müdigkeit und Erschöpfungsgefühle und wirkt allgemein stärkend.

Da der Magen der Tonusgeber für den ganzen Verdauungstrakt darstellt, kann über seine Kräftigung mittels Wermut eine Stärkung auch der restlichen Verdauungsorgane stattfinden. Bitterstoffe fördern nicht nur die Magensaftproduktion, sondern auch die Lebertätigkeit und dadurch den Gallenfluss, was sich wiederum positiv auf eine gute Funktion von Dünndarm- und Dickdarmaktivität auswirkt. Aufgrund des Zusammenhangs von Verdauungstrakt und vegetativem Nervensystem wird über eine Stärkung der Verdauungskraft auch die psychische Kraft gestärkt. In einem homöopathischen Sinn – Ähnliches mit Ähnlichem zu behandeln – ist Wermut ein hilfreiches Mittel für Menschen, die „den Kopf hängen lassen“ wie Wermut seine Blütenköpfchen hängen lässt, die sich also niedergeschlagen fühlen und denen es an Lebenskraft fehlt. Unter einer Behandlung mit Wermut bessern sich also nicht nur vorhandene Verdauungsprobleme. Der ganze Mensch erhält neue Spannkraft. Das Interesse am Leben nimmt zu, neue Aktivitäten werden in Angriff genommen und das Zutrauen zur eigenen Kraft erfährt eine Steigerung.

In den üblichen therapeutischen Dosierungen gibt es bei der Einnahme von Wermut keine Gegenanzeigen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen. An dieser Stelle sei bemerkt, daß 2 – 3 Tropfen einer Wermut-Urtinktur, in Wasser gegeben, ein vorzügliches Heilmittel bei Schwangerschaftsübelkeit und -erbrechen darstellt. Es gibt kaum etwas Besseres.

Wermut kann man als Urtinktur einnehmen; diese ist allerdings extrem bitter. Bei dieser Zubereitungsform empfiehlt sich daher eine niedrige Dosierung und die Einnahme in etwas Wasser. Dann ist Wermut auch für eine Langzeittherapie von psychischen Schwächezuständen sowie von Symptomen mangelnder Verdauungskraft wegen seiner guten Verträglichkeit vorzüglich geeignet.

Bewährt hat sich auch der Einsatz von Wermut als Bestandteil von verdauungsfördernden pflanzlichen oder homöopathischen Komplexmitteln, zum Beispiel in Kombination mit Condurangorinde oder anderen verdauungsfördernden Heilpflanzen wie Löwenzahn, Beifuß oder Brechnuss.

© Margret Rupprecht

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